Maria Schuppert hat sich auf ein „Exotenfach“ spezialisiert
VON HEIDI FROREICH UND FRIEDERIKE EDLER

Detmold. So manches Konzert während ihrer Schulzeit konnte Maria Schuppert nur mit einer Bandage bestreiten: „Mir tat das Handgelenk weh.“ 30 Jahre später spielt sie immer noch auf ihrer Bratsche – und zwar völlig schmerzfrei: „Das bin ich schließlich meinem Beruf schuldig.“ Als Leiterin des Zentrums für Musikergesundheit betreut sie die Studierenden der Musikhochschule Detmold.

Medizin oder Musik – die Frage forderte nur bei ihrer Studienwahl eine eindeutige Entscheidung. Schuppert entschied sich für ein Medizinstudium. „Aber ich habe nie auf die Musik verzichtet“, erinnert sich die 48-Jährige. Auch während des Studiums nahm sie weiter Unterricht, gab Konzerte mit dem Ärzteorchester Hannover – und ist heute Honararprofessorin an der Hochschule für Musik in Detmold. „Mit einem Lehrauftrag für ein Exotenfach“, sagt Schuppert lächelnd. Seit Mai leitet die Ärztin dort das Zentrum für Musikergesundheit.

Bundesweit gehört Detmold damit zu den nur fünf Musikhochschulen, an denen Studierende von der Hochschule selbst umfassend medizinisch betreut werden. „Betreuung gab es schon seit längerem. Doch seit das Kind auch einen Namen hat, ist vieles einfacher geworden“, zieht Schuppert Bilanz über das erste halbe Jahr ihrer Tätigkeit.nw090922

Eine spezielle Gesundheitssprechstunde gehört ebenso zum Angebot wie Seminare, in denen Körperwahrnehmung, Ausdauer und Stressbewältigung geschult werden. Selbst ein spezielles Training im Fitnessstudio ist möglich – und für die Studenten nicht mit zusätzlichen Kosten verbunden, weil der gesamte Bereich Musikergesundheit über die Studienbeiträge finanziert wird. „Die Studenten nehmen die Angebote sehr gut an. Weil die Nachfrage so groß ist, mussten wir schon ausweiten“, freut sich Schuppert.

Gesundheitliche Probleme sind bei Berufsmusikern häufig. Schon die – ja noch jungen – Studierenden klagen in der Sprechstunde regelmäßig über schmerzhafte Verspannungen, Gelenk- und Sehnenscheidenentzündungen, aber auch Belastungen des Gehörs. Die Ursachen findet die Ärztin oft schon in dem ausführlichen Gespräch: „Zu viel Belastung.“ Im Streben nach Perfektion verzichten viele Musiker auf Pausen. „45 Minuten Belastung, 10 Minuten Ruhe“, lautet die Empfehlung. Wenn es dennoch Probleme gibt, dann bittet die Ärztin um ein paar Minuten Vorspiel. Schuppert: „Da kann ich Fehlhaltungen erkennen – und helfen, diese später in Absprache mit den Musiklehrenden zu korrigieren.“ Musiker hätten mit Sportlern viel gemeinsam, ist sie sich sicher. Wie der Profisportler muss auch der Musiker mit starkem psychischem Druck fertig werden. Schuppert: „Es gibt nur ein Konzert, keine zweite Chance.“ Häufig würden sich Musiker nur als Künstler sehen, „dabei sind sie doch auch auf ihren Körper angewiesen“. Der muss gepflegt werden – acht Stunden Üben am Instrument kosten eben auch Kondition, Kraft, Stehvermögen.

Auftrittsangst und Lampenfieber zu nehmen, die mentale Kraft zu stärken – das sieht die Medizinerin mit ihrem zehnköpfigen Team daher als zweite wichtige Aufgabe in Sachen Musikergesundheit an. Gerade weil sie aus eigener und familiärer Erfahrung um die Sensibilität der Künstlerseele weiß, setzt sie bei ihrer Arbeit auf die positiven Aspekte der Medizin. Denn „wer gesund ist, kann auch mehr leisten“.

© 2009 Neue Westfälische
Gütersloher Zeitung, Dienstag 22. September 2009