„Klangschicht“ -Finale lockt über 6.000 Besucher mit Musik und Malerei
VON CHRISTOPH GUDDORF

Bielefeld. Es ist kurz nach neun und dämmerig. Der Mitarbeiterparkplatz der Stadtwerke ist am Samstagabend prall gefüllt, neben den sämtlich besetzten Klappstühlen stehen die Zuschauer bis an den Rand der Bühne, einige Jugendliche haben es sich auf dem Boden bequem gemacht – es herrscht eine charakteristische Openair-Atmosphäre.

 Launige Ansprache: Conferencier Heinz Flottmann im Dialog mit jungen Zuhörern

Nachdem der „Klangschicht“-Abschluss am Vorabend wegen eines Platzregens buchstäblich ins Wasser gefallen war, hat das Jugendsinfonieorchester OWL nun bei trockener Witterung Platz genommen, ebenso die Rockband der Musikschule „POW“ und die Percussion-Gruppe Kodo Bayake. Rund 6.000 Besucher sind im Laufe des Samstagabbends auf das Gelände geströmt. Unter einem kleinen Dach sitzt Markus Wortmann, der gleich zur Live-Musik malen wird.

Ebenso bunt und vielfältig wie der bisherige Abend verlaufen ist, geht es beim Finale der „Klangschicht II“ zu: Nicht ein Conférencier im feinen Zwirn tritt auf die Bühne, sondern Heinz Flottmann wie er leibt und lebt. In einer Art launiger Ansprache kommt er in gewohnter Mundart neben einem Exkurs in die Architekturpsychologie mit ihren „Gebäudekomplexen“ auch auf die „derzeitige“ mangelnde Inspiration der Arminia zu sprechen. Dann bittet er Kinder zur Bühne, die diverse Musikinstrumente gesammelt und nun zu einem „Orchester“ vereint haben.

 Beeindruckende Kulisse: Blick auf die „Klangschicht“-Bühne im Schatten des Kühlturms auf dem Stadtwerke-Betriebsgelände.

Von „sinnlosen oder spielerischen Bewegungen“ – mit denen der Begriff Gaukler aus dem Althochdeutschen verbunden ist – kann keine Rede sein. Was mehr als 400 regionalen Künstler und Künstlerinnen in Form von Musik, Tanz, Literatur, Akrobatik, bildender sowie darstellender Kunst simultan an verschiedenen Orten des Stadtwerke-Betriebsgeländes aufgeführt haben, fügt sich nun vor über 6.000 Besuchern zu einer musikalischen „Gaukler-Suite“ zusammen. Gaukler finden sich auch in dem überdimensional auf der Videowand erscheinenden Tusche-Bild Markus Wortmanns wieder. Der Aktionskünstler fängt die Stimmungen der Musik ein und bringt sie mit schwarzem Pinselstrich und roten Buntstift-Akzenten spontan auf die Leinwand – und lässt ebenso phantastische Bilder und Gestalten vor dem geistigen Auge entstehen wie die Komposition Reinhold Westerheides. Das in ihrer Anlage sinfonische, tänzerische und klangmalerische Elemente verknüpfende Werk des Bielefelder Komponisten bildet gleichermaßen „pastoral“-idyllische Szenen, unterstützt durch Harfenklänge und pathetisch-kolossale Passagen. Dabei zitiert Westerheide unter anderem Motive aus der West-Side-Story.

Als starke Kontraste erscheinen auch die Klangmischung mit Schlagzeug und E-Gitarre und der Rapgesang Joel Köhns, der die fehlende „gauklerische Seite“ der funktional ausgerichteten Arbeits- und Leistungsgesellschaft aufgreift. Während die „Gaukler-Suite“ mit „kräftigem Pinselstrich“ endet, legt Wortmann Pinsel und Stift zur Seite und hinterlässt ein mit feinen Linien und Strichen gemaltes sinnlich-zartes Abbild einer Phantasiewelt voller Gaukler – so kontrastreich die „Klangschicht“ begonnen hat, so vielschichtig ist sie zu Ende gegangen.