Der Musiker Ulrich Drabek wird heute 70

VON MATTHIAS GANS

Bielefeld. Manchen überfällt die Liebe ganz plötzlich. Sieben Jahre lang hatte sich der junge Ulli eher halbherzig um die Zuneigung des Klaviers bemüht: vergeblich. Auch Hiebe aufs Schlagzeug erzwangen nicht die Sympathie dieses ohnehin unhandlichen Instruments.

Erst als der 13-Jährige die Klarinette seines Vaters (zunächst falsch) zusammensetzte und sich damit vor den Spiegel stellte, stand felsenfest: Sie gehört zu mir. Die Liebe beruht bis heute auf Gegenseitigkeit. Noch immer bläst Ulrich Drabek das Instrument mit Passion: Übend allein in seinem Keller-Studio, hausmusizierend mit einem Streichquartett oder jammend mit seinem Oktett „Acht for Jazz“.

Bekannt in der Bielefelder Musikszene ist er als langjähriger Soloklarinettist der Philharmoniker und Lehrer an der Musik- und Kunstsschule geworden. In der ganzen Region kennt man ihn zudem als ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Trägervereins der Jungen Sinfoniker. „Vorsitzender Ulrich Junge treibt das Geld ein, das macht er sehr gut. Ich kümmere mich um künstlerische Fragen“, erklärt er die gut funktionierende Arbeitsteilung. Doch damit soll nun Schluss sein. „Nicht, weil es mir keinen Spaß mehr macht, sondern weil ich endlich auch Zeit für etwas anderes haben will“, erklärt der gebürtige Berliner, und lacht.

Es gibt nur gute und schlechte Kunst, keine hohe und niedere

Ein Berliner in BielefeldObwohl er schon seit 46 Jahren in Bielefeld wohnt, ist ihm sein Berliner Dialekt und seine sympathische Direktheit geblieben. Sein 70. Geburtstag, den er heute feiert, soll die Wendemarke sein. Noch wird er die Konzerte der 72. Arbeitsphase des Orchesters begleiten (siehe Infokasten). Doch bei der nächsten Runde soll ein anderer seine Vorstandsarbeit erledigen: Klarinettist Georg Stimpfle, sein philharmonischer „Pultnachbar und Freund“, der Drabek auch als Dozent für die Holzbläser bei den Jungen Sinfonikern beerbt hat. Damit geht eine Ära zu Ende.

Zwar ist der Musiker erst seit 1981 offiziell in Diensten beim „Regional-Sinfonieorchester für Ostwestfalen-Lippe“. Doch eigentlich ist er ein Mann der ersten Stunde. Drabek hatte enge Kontakte zu Bert Holm, der als Organisator des Regionalwettbewerbs „Jugend musiziert“ 1968 erstmals ein Streichorchester formierte und damit den Ursprung des 1973 gegründeten Orchesters legte. Einem anderen Gründungsmitglied war er ebenfalls eng verbunden: Horst Henke. Der ehemalige Bielefelder Kapellmeister hatte 1963 die Aufführung von Mozarts „Cosí fan tutte“ geleitet, in der Drabek, der erst am Nachmittag sein Probespiel gehabt hatte, mitspielen sollte. Dank Henkes Angebot, die Partitur kurz mit ihm durchzugehen, gelang der Abend ohne Patzer. Das verbindet.

Und so war es keine Frage, dass er das Jungen Sinfoniker mit nach vorne bringen wollte. „Jugendarbeit hat mich immer interessiert“, sagt Drabek und gesteht: „Ich weiß nicht, was mir mehr Spaß gemacht hat: Das eigene Musizieren oder das Unterrichten. Ich hätte beides nicht missen wollen.“

Bielefeld bleibt weiterhin seine Heimat

Vielleicht hat es auch mit der frühen Förderung durch seinen Vater zu tun, dass der Klarinettist sein Wissen und Können immer gern weiter gegeben hat. Kurt Drabek, Komponist des westdeutschen Sandmännchen-Lieds, war ein Allroundmusiker: vor allem als Akkordeonist tätig, doch auch auf vielen anderen Instrumenten bewandert, lehrte er seinen Sohn, dass es nur gute und schlechte, aber keine hohe und niedere Kunst gibt.

So wirkte Ulrich Drabek, der vom Soloklarinettisten des Rias-Sinfonieorchesters unterrichtet wurde, noch vor seinem Abitur so selbstverständlich in Tanzkapellen wie bei großen Orchestern mit. Und wurde dafür im zerbombten Nachkriegs-Berlin zudem gut entlohnt. „Ich habe nie mit etwas anderem als Musik Geld verdient“, sagt Drabek nicht ohne Stolz.

Kaum verwunderlich also, dass bei solchen Genen auch sein Sohn Steffen Musiker wurde und nun als Bratschist bei den Bremer Philharmonikern angestellt ist. Auch über die Entfernung ist der Kontakt zwischen Vater und Sohn gut. „Die Musik bildete für unsere Beziehung immer eine verlässliche Basis“, sagt Drabek. Das galt wohl auch 36 Jahre lang für die Arbeit mit den Jungen Sinfonikern.

Nun will er unabhängig sein, mehr reisen, Konzerte besuchen, oder sein lange vernachlässigtes Hobby, die Fotografie pflegen. Und obwohl er auch ein Haus in Berlin hat, bleibt Bielefeld weiterhin seine Heimat. Falls mal doch ein „Hilferuf“ von den Jungen Sinfonikern kommen sollte. „Dann bin ich nicht völlig aus der Welt.“

© 2009 Neue Westfälische
Bielefelder Tageblatt (MW), Freitag 14. August 2009

Das nächste Konzert der Jungen Sinfoniker in Bielefeld findet am Samstag, 3. Oktober, um 20 Uhr in der Oetkerhalle statt.

Dann spielt das Orchester unter der Leitung von Leo Siberski „A Requiem in Our Time“ von Einojuhani Rautavaara, das Doppelkonzert für Flöte, Harfe und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart und die Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op.55, die „Eroica“, von Ludwig van Beethoven. Solistinnen sind Svenja Borgstädt (Flöte) und Helene Schütz (Harfe). (gans)

© 2009 Neue Westfälische
Bielefelder Tageblatt (MW), Freitag 14. August 2009