Das erste gemeinsame Musizieren, das Einfügen der eigenen Stimme in ein großes sinfonisches Werk, der erste Klangrausch: Die Erfahrungen, die angehende Musiker in Jugendorchestern sammeln, sind wertvoll und unabdingbar. Und doch sind die Jungen Sinfoniker, das Regional-Jugendsinfonieorchester für Ostwestfalen-Lippe e.V., für viele etwas ganz Besonderes:

„Dieses Orchester spielte auf einem unglaublichen hohen Niveau, das war eine ganz andere Liga als die Schulorchester“, erinnert sich Steffen Drabek, heute Bratschist bei den Bremer Philharmonikern. Und Klaus Viëtor, Cellist bei der Nordwestdeutschen Philharmonie, fügt hinzu: „Mich hat die Musik erst bei den Jungen Sinfonikern so richtig gepackt.“ Worte, die die Mitglieder des Vereins in diesem Jahr besonders freuen: Am 26. Juni startet das Nachwuchsorchester in seine 70. Arbeitsphase, mit den im September folgenden Konzerten feiern die Jungen Sinfoniker somit das 35. Jahr ihres Bestehens.

35 Jahre, in denen die Jungen Sinfoniker nicht nur zum festen Bestandteil des kulturellen Lebens in Ostwestfalen-Lippe wurden, sondern auch 35 Jahre, in denen Dutzende von Instrumentalisten erste Fertigkeiten im Zusammenspiel erwerben und schulen konnten. „Den programmatischen Aufruf ‚Jedem Kind ein Instrument!‘ des amtierenden Kulturstaatssekretärs des Landes Nordrhein-Westfalen, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, setzen wir hier um. Bei uns kann jedes Kind, jeder Jugendliche mitspielen, egal ob am Ende eine Karriere als Orchestermusiker oder die Musik als Hobby steht“, erläutert Ulrich Junge, Vorstandsvorsitzender des Vereins. „Vorrangiges Ziel ist für uns, die Liebe zur Musik von Generation zu Generation weiter zu tragen.“

Dieses Ziel verwirklichen die Jungen Sinfoniker mit großem Erfolg. Erst kürzlich hob die Deutsche Orchestervereinigung hervor, dass das Interesse der Jugendlichen an klassischer Musik wieder zunimmt. Jüngsten Zahlen zufolge, so der Geschäftsführer Gerald Mertens in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur, würden Jugendliche z.B. stärker als früher klassische Musik aus dem Internet herunterladen. „Daran zeigt sich, dass die schon länger laufenden Bemühungen deutscher Orchester, Jugendliche an klassische Musik heranzuführen, Wirkung zeigen“, sagte Mertens. Mit Recht können sich die Jungen Sinfoniker zu diesen Orchestern rechnen. „Die Jungen Sinfoniker zu dirigieren, zählt zu meinen schönsten Erlebnissen“, erinnert sich z.B. der ehemalige Bielefelder Kapellmeister und Mitbegründer des Orchesters Horst Henke. „Es fordert zwar unheimlich, mit Jugendlichen zu arbeiten, aber es ist immer wieder beglückend zu erleben, mit welcher Neugier, mit wie viel Herzblut sie sich Werke erarbeiten und spielen.“ Klaus Viëtor ergänzt: „Das fasziniert letztlich auch das Publikum: Die Anspannung der Jugendlichen und ihre unglaubliche Konzentration führen zu einem unmittelbareren Hörerlebnis.“

Trotz hoher Fluktuation – durchschnittlich wirken die Jugendlichen bei drei, vier Arbeitsphasen mit – haben die Jungen Sinfoniker stets ihr hohes klangliches Niveau halten können. Viëtor, der zu dem Nachwuchsorchester zurückgekehrt ist und die Gruppe der Cellisten betreut, führt das u.a. auf die Arbeit der Dozenten zurück: „Sie sind oft viele Jahre dabei, wissen aus Erfahrungen, welche Tipps und Tricks den Jugendlichen helfen, setzen aber auch hohe Maßstäbe, um die jungen Musiker voranzubringen. Sie garantieren Kontinuität.“ Die ist bei dem Anspruch der Jungen Sinfoniker, stets auch ungewöhnliche, seltener aufgeführte Werke sowie Uraufführungen und Deutsche Erstaufführungen aufs Programm zu setzen, von großer Bedeutung.

Undenkbar wäre der Erfolg der Jungen Sinfoniker aber auch ohne die Unterstützung von Sponsoren. Städtische Einrichtungen und Stiftungen sowie Unternehmen und Privatpersonen stellen seit vielen Jahren sicher, dass die jungen Musiker jedes Jahr zwei Arbeitsphasen erleben und anschließend Konzerte in der Region aufführen können. „Ihnen gilt unser Dank“, sagt Ulrich Junge – räumt aber zugleich ein, dass es jedes Jahr eine neue Herausforderung ist, potenzielle Förderer für die Jungen Sinfoniker zu gewinnen. „Auch wir stellen fest, dass die Bereitschaft in der Gesellschaft, gemeinnützige Projekte zu unterstützen, nachlässt. Um die kulturelle Vielfalt in Deutschland zu bewahren und die musikalische Ausbildung nachwachsender Generationen zu sichern, möchte ich deshalb an alle appellieren: Investieren Sie in unseren künstlerischen Nachwuchs.“